Weihnachten und Silvester 2001 im Kinderheim Ineu

Bericht von Ecki Göbel

Alle Jahre wieder...
... finden sich ein paar Unverdrossene, die widrigen Straßenverhältnissen und kaltem Duschwasser trotzen und am zweiten Weihnachtsfeiertag das heimelige Weimar in Richtung Ineu verlassen. Schließlich warten dort etwa 200 Kinder und Jugendliche auf den Weihnachtsmann und eine fröhliche Sylvesterparty.
Am Abend des 26. Dezember 2001 werden die Motoren der „Bunten Minna“, des Eisenacher Kirchenfordbusses und des riesengroßen Gerbermercedesbusses (bekannt als Demofahrzeug des Weimarer Friedenskreises) angeworfen. An Bord sind Mölle, Schramme, Uschi, Heiko, Sandra, Jürgen, Bobo, Christian (alle Gerberstraße), Jens, Marie, Ecki (altgediente Reisekader), Anne, Thomas, Jakob (neugierige Rumänienneulinge) sowie Juliane, Anne und Maren als zahlende Passagiere. Diesmal haben wir nur 250 Päckchen, jedoch noch einiges an Fußbällen, Nasskonserven, Naschwerk und sonstigen milden Gaben.

Schneeflöckchen, Weißröckchen
Ski und Rodel gut. Die Weiße Weihnacht sucht ihresgleichen. Pünktlich zur Abfahrt setzten ausgiebige Schneefälle ein, die uns bis zum Ziel begleiten werden. Fuß vom Gas. Die Piste dehnt und dehnt sich. Wir sind erst nach etwa 20 Stunden in Gyula. Gyula? Völlig falsch. Vama Varsand, unser Stammgrenzübergang, fertigt nur noch LKW und Reisebusse ab. Der Pkw – Übergang ist jetzt in Mehkerek. Das bedeutet noch mal 65 km Umweg und hebt die Stimmung keineswegs. An der Grenze dann Probleme von eher geringem Schwierigkeitsgrad. Die Zöllner wollen die in der Ladeliste vermerkten Fußbälle sehen. Die sind im Gerberstraßenmercedesbus. Der hat den Kontrollpunkt entgegen der Absprache längst passiert und brummt bereits in aller Ruhe gen Ineu. Der Kaffee, mit dem sich das Problem stressfrei bereinigen ließe, liegt bei den Fußbällen. Also labern, labern, labern. Endlich geht die Schranke hoch, los, schnell weiter. Bei Salonta, 10 km nach der Grenze, taucht plötzlich eine leuchtend gelbe Weste aus dem Dunkel auf. Stop, Polizei! Wir hätten angeblich mit zwei Fahrzeugen ein Stopschild überfahren. Wahrscheinlich stimmt das sogar. Zu allem Überfluß hat Conductrice Marie ihren Führerschein in Deutschland vergessen. Das verspricht teuer zu werden, außerdem ist es saukalt. Wir bieten an, die Amenda (Geldbuße) unter Verzicht auf eine Quittung wahlweise in D-Mark, Dollar oder Pfund Sterling zu entrichten. Fehlanzeige. Ihr seid in Rumänien, hier wird in Lei bezahlt! Nachvollziehbar, aber undurchführbar, die Wechselstube an der Grenze hatte zu. Schließlich gelingt es dem Autoren, unter Aufbietung allen Charmes und dem Absingen eines rumänischen Weihnachtsliedes freies Geleit auszuhandeln. Irgendwann sind wir dann doch in Ineu. Man hat eine ganze Etage für uns reserviert, es ist gut geheizt, als Willkommensschluck steht Direktorentuica bereit. Endlich angekommen!

Was sollen wir trinken, sieben Tage lang...
... das ist eigentlich keine Frage. Aber das Essen. Die Buchhaltung im Heim ist komplizierter (oder korrekter ?) geworden. Das Geld an sich ist nicht das Problem, es gäbe jedoch Probleme mit der Rechnungslegung. Zunächst heißt es, wir müssen uns selber verpflegen, Teilnahme an der Schulspeisung sei nicht möglich. Dann sollen wir Lebensmittel liefern, die für uns separat zubereitet würden. Schließlich vereinbaren wir mit dem Einkäufer des Heimes eine Vorabzahlung für die Beschaffung von Lebensmitteln für die Silvesterparty im Heim, die wir aus Spendenmitteln finanzieren. Ein Teil unserer Teilnehmerbeiträge wird hier gleich mit gezahlt, und fürderhin können wir unsere Mahlzeiten wie gewohnt in der Cantina zusammen mit den Kindern einnehmen.    Nelu scheint  übrigens wieder Oberwasser zu haben. Valentin Buda, der für den Internatsbereich zuständige Direktor, hat das Handtuch geworfen. Seine Stelle wird Anfang 2002 neu besetzt werden. 

Trari, trara, die Post ist da
Zahlreiche Briefe und Pakete von privat (Weimar) an privat (Rumänien) werden von Jens und Juliane im Postamt Ineu aufgegeben. Von Deutschland aus gesendet, würden die Postgebühren den Warenwert der jeweiligen Sendung wohl um ein Vielfaches übertreffen, außerdem wurden Fälle bekannt, dass in Weimar aufgegebene Pakete den rumänischen Empfänger nie oder mit astronomischer Verzögerung erreichten. Ein netter Service unserer Gruppe, nicht wahr?  

Morgen kommt der Weihnachtsmann
Das die Bunte Minna bis unters Dach voll mit Päckchen und Paketen ist, bleibt niemandem verborgen. Entsprechend klopfen die Kinder häufig an unserer Tür und fragen „wann kommt denn nun der Weihnachtsmann?“ Die Ungeduld ist verständlich, allen anderen Kindern in Europa ist schon vor vier Tagen einbeschert worden. 

Mos Craicun, der Weihnachtsmann, hat eine Rote Mütze, einen wunderschönen weißen Bart aus Resten von Verpackungsmaterialien und einen vom Jens geborgten Lodenmantel. Er tritt dieses Jahr gewaltfrei, also ohne Rute, in Erscheinung. Die ist auch gar nicht vonnöten, sobald der Weihnachtsmann den jeweiligen Flur betritt, ertönt vielstimmig „Mos Craicun“, das ihm zu ehren komponierte Kinderlied. Gedichte werden rezitiert, na klar, alle Kinder waren brav, im wesentlichen jedenfalls. Den Zwergen aus der Gerberstraße steht der Schweiß auf der Stirn, sie müssen für Nachschub aus der Bunten Minna sorgen. Auch die Erzieher waren so halbwegs brav, Mos Craicun beschert ihnen sein Abbild in Schokolade und ein Päckchen filterfein gemahlenen Kaffee.

In den Absolventenhäusern wird an den folgenden Tagen beschert. In aller Regel wird Mos Craicun freudig begrüßt. Von der Wohngruppe in Bocsig wird der bärtige Gast jedoch mit Verbitterung empfangen. Die vier dort wohnenden Jungs sind inzwischen arbeitslos, die Parkettfabrik ist geschlossen. Die Arbeitslosenhilfe liegt weit unter dem Existenzminimum. Inzwischen ist der Strom abgeschaltet, Heizmaterial ist knapp, die Küche bleibt kalt. So mag es wohl vielen Arbeitslosen gehen. Die Schwelle zur Armut ist in Rumänien sehr niedrig. Ein paar Lei verdienen sich die Jungs mit Hilfsarbeiten, das reicht gerade für ein wenig Essen. Auch zusätzlich zu den Weihnachtspäckchen ausgegebene Schokolade, Duschbäder und Kaffeerationen können die Not nicht wirklich lindern, können bestenfalls ein bescheidenes Hoffnungszeichen sein.  Arbeitsplätze kann der Weihnachtsmann nicht aus seinem Sack zaubern. Wenigstens versuchen wir, mit Nelu über das Problem zu sprechen. Er sagt Hilfe zu, obwohl die Absolventenhäuser nicht mehr sein Einflussbereich sind. Zu Ostern sollte unbedingt noch mal jemand nachsehen, wie es den vieren da draußen geht.

Oh, es riecht gut
Rein kalendarisch wieder zu spät. Plätzchenbacken soll ja eigentlich die weihnachtliche Vorfreude steigern. In Ineu werden die Plätzchen einen Tag nach der Bescherung gebacken. Aufbauend auf vorjährigen Erfahrungen wird der Teig diesmal von uns schon vorab eingerührt und als fertige Masse zu den Kleinen gebracht. Das Kneten und Formenstechen macht allen Beteiligten Spaß. Auch den BetreuerInnen, weil wegen der o.g. konsequenten Vorbereitung die im Jahre 2000 erlebte Mehlschlacht unterbleibt. Die fertig gebackenen Plätzchen werden einkassiert und tauchen zur Sylvesterparty wieder auf
.  

Der Fußball ist rund wie die Welt
Jedoch kicken in diesen Tagen nur einige ganz verwegene. Es ist einfach zu kalt. Ein richtiges Länderspiel kommt nicht zu Stande. Dafür findet – das ist bereits Tradition – ein Tischtennisturnier großen Anklang. Als Preise winken TT- Kellen, Bälle und Duschbäder.

Theater, Theater
Winterzeit, Märchenzeit. Als Sylvesterprogramm wollen wir mit einigen Jugendlichen ein Theaterstück einstudieren. Wir haben bei den Brüdern Grimm nachgeschlagen und – entsprechend der Jahreszeit – „Frau Holle“ ausgewählt. Eine 15-köpfige Theatergruppe – ausschließlich rumänische Jugendliche – ist schnell zusammengestellt. Zum Glück übernimmt unser Freund Dan Palcu die Leitung der Inszenierung. Er hat ein goldenes Händchen, die SchauspielerInnen hören auf ihn. Requisiten und Kostüme sind noch vom letzten Sommercamp vorhanden. Der Club im Dachgeschoß wird die Bühne sein. Marie setzt mit ihrer Gitarre musikalische Akzente. Unsere Schauspieler sind mit Leib und Seele dabei. Zunächst war eine Pantomime mit Erzähler geplant. Diese verselbständigt sich aber zu einem „richtigen“ Schauspiel mit selbstgemachtem Text. Mangels Musikernachwuchs wird Marie als Solistin den musikalischen Rahmen setzten. Zu Sylvester wird das Stück mehrfach mit großem Erfolg aufgeführt werden. Bis dahin heißt es jedoch üben, üben, üben. Das Können und Engagement der jungen LaiendarstellerInnen lässt erahnen, dass in Ineu so manches Talent verkümmert.

Sur le pont d´Revelion
Revelion, der rumänische Sylvesterabend, beginnt mit Einbruch der Dunkelheit. In den Familien wird gegessen, getrunken, ferngesehen und ein wenig geknallt. Im Heim wird besser als sonst gegessen, Bowle getrunken, Theater geguckt, getanzt und viel geknallt.
Bereits am Vormittag, zeitgleich mit den Generalproben zum Theaterstück, marschierte eine Weimarer Abordnung zum Bowleschnippeln in die Küche. Einige Kästen Limonade und dutzende Kilogramm Frischobst und Konserven wandern in riesige Edelstahltöpfe und werden ausgiebig verrührt. Das Resultat ließe sich am ehesten als Zwischending zwischen Fruchtsaftgetränk und Obstsalat beschreiben. Die Weimarer Bowle wird bei groß und klein zum Sylvestermahl gereicht – und restlos vertilgt.
Der Abend beginnt mit der Party für die kleinen. Unser Theaterstück „Frau Holle“ wird zwei mal gegeben, weil es ja zwei Gruppen sind. Danach ist Disco im Club mit rumänischen Beats und einigen Breakdanceeinlagen. Irgendwann müssen die Kleinen ins Bett. Die Stereoanlage wird in die Cantina geschleppt. Dort ist Party für die Großen. Eine richtig erwachsene Party, es wird getanzt, die Küche serviert zwischendurch kleine Snacks. Wer´s etwas ruhiger möchte, kann rüber in den Club gehen, da läuft noch einmal das Theaterstück, diesmal mit einer frechen, jugendlichen (von den Akteurinnen spontan erfundenen) Textfassung. Zum Countdown um Mitternacht erreicht die Stimmung in der Cantina ihren Siedepunkt. Es fliegen die Knaller und auch ein paar Tassen. Das spärlich vertretene pädagogische Personal hält sich vornehm zurück. Die Jungs aus der Gerberstraße stehen wacker am Mischpult. Diesmal geht die Fete bis kurz vor vier. Alles in allem ganz schön Partystress. Beinahe hätten wir vergessen, um punkt ein Uhr OEZ (null Uhr MEZ) auf Euch, liebe Leserinnen und Leser, anzustoßen. Also, noch mal nachträglich: Un an nou fericit!
In Bukarest steigt inzwischen eine Euro- Party, meldet Pro-tv. Es wird mächtig gefeiert, weil rumänische StaatsbürgerInnen ab Mitternacht visafrei nach Westeuropa einreisen können - wenn sie das nötige Tagegeld, zur Zeit 100 pro Tag, in der Tasche haben. Mit offizieller Einladung ist es wohl etwas einfacher.  

Inzwischen ist es längst 2002. Der Neujahrsmorgen überrascht uns mit ein paar Zentimetern Neuschnee und eitel Sonnenschein. Ein paar Frühaufsteher brechen auf um die Ferma Impreuna, eine weitere Außenwohngruppe, zu besuchen. Die als Erwerbszweig avisierte Besenbinderei scheint zu funktionieren. Die einhundert von Hardy bestellten Reisigbesen können jedoch nicht in Empfang genommen werden, weil gerade genau dieselbe Stückzahl ans Heim verkauft worden ist. Die restlichen Exemplare können gerade noch einen minimalen touristischen Bedarf decken.
Der Neujahrstag wird ansonsten als wohlverdienter Ruhetag bzw. für Neujahrsbesuche in und um Ineu genutzt. Tuica, in gastlicher Runde genossen, schmeckt im neuen Jahr genauso gut, wenn nicht noch besser.

Take me home, country roads
Irgendwann ist die Aktion zu Ende, wir müssen wieder in die Betriebe und Hörsäle. Aufräumen, zusammenpacken, auf dem Weg zur Grenze noch mal billigen Diesel tanken. Die Rückfahrt verläuft relativ komplikationsarm (einige Tage zuvor muss auf den Straßen die Hölle los gewesen sein). Unser Passagier Mihai Dorel, der auf Einladung von Rudi nach Weimar fährt, wird nicht mal von den Österreichern kontrolliert. Irgendwann erreichen wir unbeschadet das tief verschneite, klirrend kalte Weimar.

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